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Warum Gülsum keine Wohnung findet

Von Luigi Pantisano

Die Wohnungskrise ist – anders als oftmals behauptet – nicht durch Zuwanderung verschärft worden, sondern Migrant_innen sind stark Leidtragende der jahrelang verfehlten Wohnungspolitik. Selbst wenn sich die Ingenieurin Gülsum M. mit ihrem Einkommen eine Wohnung in den besseren Wohnungslagen der Stadt leisten kann, bekommt sie keine dieser Wohnungen. Der Grund dahinter kann ihr Name, ihre Hautfarbe, eine bestimmte Herkunft oder das Stigma ihres ersten Wohnviertels sein. Migrant_innen, die sich eine Wohnung kaufen möchten, stehen vor demselben Problem.

Direkt nach der Einwanderung in ein fremdes Land, ist die Nähe und Unterstützung von Menschen der eigenen Herkunft zunächst hilfreich. Daher ziehen Migrant_innen häufiger in bestimmte Viertel von Großstädten. Diese erste Wohnung kann allerdings zur Sackgasse werden. Zahlen belegen, dass weit über 60 Prozent der Migrant_innen in Deutschland länger als 25 Jahre in ein und derselben Wohnung leben, nicht aus Eigeninteresse, sondern weil sie schlicht keine andere Wohnung bekommen. Gelingt dennoch ein Umzug, müssen sie in der Regel mehr bezahlen, als Ihre herkunftsdeutschen Nachbarn in einer vergleichbaren Wohnung. Migrant_innen leben zudem meist in kleineren Wohnungen, mit schlechterer Ausstattung – ohne Garten, Balkon oder Terrasse.

Bei älteren Wohnungsbeständen kann mit der Sanierung der Wohnungen großer Profit gemacht werden, so sind Migrant_innen überproportional von Vertreibung aufgrund von Abriss/Neubau oder teuren Luxussanierungen betroffen. Eine Studie vom „Deutschen Institut für Urbanistik“ (DIfU) zu Gentrifizierung hat festgestellt, dass am Stöckach in Stuttgart die Vertreibung bestehender Milieus in vollem Gange ist. Hier haben über 45 Prozent der Menschen Migrationshintergrund. Eine Zahl die deutlich aufzeigt, wer von dieser Vertreibung hauptsächlich betroffen ist oder sein wird.

Besagte Difu-Studie empfahl der Stadt Stuttgart eindringlich, einen „Sozialen Stadtentwicklungsplan“ für Stuttgart zu erstellen, um besondere Zielgruppen wie Migrant_innen vor weiterer Vertreibung zu schützen. Ein solcher Stadtentwicklungsplan zum Schutze von benachteiligten Gruppen wurde von Grün-Schwarz im Gemeinderat leider abgelehnt. Wir fordern die Ausweitung von Milieuschutzsatzungen wie wir sie auch schon für die Vonovia-Wohnungen in Stuttgart-Nord gefordert haben.

Hinzu kommt, dass seit 2015 rund 8000 Geflüchtete meist in Systemunterkünften in Stuttgart leben, die fünf bis maximal zehn Jahre stehen bleiben können. Schon jetzt suchen Geflüchtete eine eigene Wohnung. Es ist bekannt, wie schwer auf dem freien Markt Wohnungen zu finden sind. Die Stadt muss eine Strategie entwickeln, damit Geflüchtete in ein paar Jahren nicht auf der Straße stehen. Wir müssten erheblich mehr kommunale und genossenschaftliche Wohnungen bauen.
Migrant_innen wie die Ingenieurin Gülsüm oder Basar der als Flüchtling nach Deutschland kam, sind ein Potenzial in unserer Stadt. Es ist unsere Aufgabe, sie auf allen Ebenen zu unterstützen, damit sie in Stuttgart bleiben und hier gut leben können.