SÖS LINKE PluS

„Wir werden uns bundesweit zusammenschließen“ (Interview mit Ursula Kienzle, Vonovia-Mieterin)

Ursula Kienzle wohnt seit 17 Jahren in ihrer Wohnung in der Friedhofstraße 11 im Stuttgarter Norden. Im Interview erzählt die  Rentnerin, wie und warum sich gegen Schikanen der Immobilienhais Vonovia zur Wehr setzt. Gleich zu Beginn fordert die Aktivistin: „Da gehört eine ganz andere Wohnungspolitik gemacht“. Vom Oberbürgermeister fühlt sie sich im Stich gelassen.

Tom Adler: Seit der Immobilienkonzern Vonovia die früheren Eisenbahnerwohnungen gekauft hat, wie hat sich das Verhältnis zu diesem Vermieter entwickelt?

Ursula Kienzle: Bis vor zwei Jahren war es noch ruhig. Als Vonovia dann eingestiegen ist, ist es aggressiv geworden. Wenn ein Mieter ausgezogen ist, wurden die Mieten massiv erhöht. Eine Wohnung wurde nicht mehr mit 52,8 Quadratmeter angegeben, sondern hatte plötzlich 55 Quadratmeter. Die kostet jetzt über 11 Euro pro Quadratmeter, ich bezahle noch 7,90 Euro. Im März dieses Jahres haben wir dann ein 40-seitiges Schreiben bekommen, mit der Ankündigung, dass modernisiert werden soll. Das Baurechtsamt hatte mir daraufhin gesagt, dass die Fenster erst nach 30 Jahren „alt“ und erneuerungsbedürftig sind – meine sind aber erst 17 Jahre alt. Als ich damals eingezogen bin, wurde die Wohnung komplett hergerichtet. Mit jede dieser sogenannten Modernisierungen wird die Miete in die Höhe getrieben.

Tom Adler: Damals war die Wohnung noch im Besitz der Eisenbahn. Wie viele Eigentümerwechsel gab es seit dem Jahr 2001?

Ursula Kienzle: Kurz nachdem ich eingezogen bin, wurden die Wohnungen an die Landesentwicklungsgesellschaft Baden-Württemberg (LEG) verkauft, dann an die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Dann haben SPD und Grüne die Wohnungen privatisiert und an die Patrizia verkauft. Dann kam die Südewo, vor zwei Jahren dann Vonovia. Vonovia ist die größte Heuschrecke überhaupt, die fragen nicht lang, die versuchen einfach durchzuziehen.

Tom Adler: Wie haben die Mieter_innen darauf reagiert?

Ursula Kienzle: Ich habe sie angesprochen. Im Haus wohnen 80 Parteien – von denen engagieren sich jetzt 30 bis 40 – das ist ein guter Anfang. Manche meinen aber immer noch, dass man sich mit dem Vermieter gutstellen muss und haben Angst, dass sie gekündigt werden. Dem Bauleiter hab‘ ich kürzlich gesagt, dass er nicht glauben soll, dass wir ruhig bleiben. Wir werden die Mieter_innen weiterhin aufklären. Das ist untragbar, was sonst auf uns zukäme.

Tom Adler: Haben die Mieter_innen sich auch im Mieterverein organisiert?

Ursula Kienzle: Viele unserer Mitstreiter_innen sind Mitglied geworden. Ich persönlich bin aber nicht zufrieden damit, dass sich der Vorsitzende Rolf Gassmann mit der Vonovia trifft, ohne unsre Mieterinitiative dazu einzuladen. Und danach hat er nur die Presse, aber nicht uns informiert. Das sei nicht erforderlich, hieß es. Im Gegenteil: Wenn die Mieter einbezogen werden, schafft das Vertrauen. In anderen Städten funktioniert der Mieterverein anders als hier in Stuttgart, wo der Vorsitzende schon seit 33 Jahren im Amt ist.

Tom Adler: Nachdem der Protest der Vonovia-Mieter_innen öffentlich wurde, hat das Unternehmen versucht, etwas Druck aus dem Kessel zu nehmen…

Ursula Kienzle: Als der Gemeinderat sich mit eurem Antrag für eine Milieuschutzsatzung beschäftigt hat, hat Vonovia reagiert und teilweise Rückzieher gemacht. Jetzt verzichten sie auf Rollläden an den Fenstern, die neue Wohnungstüre kann man jetzt bestellen oder auch nicht. Und sie haben angekündigt, dass die Modernisierungsumlage nicht 11 sondern nur acht Prozent betragen soll. Die Bundesregierung plant aber derzeit ohnehin, die Umlage auf acht Prozent zu begrenzen –  das sind doch keine Zugeständnisse an die Mieter! Für mich ist das eine Beleidigung, ich lasse mich nicht für dumm verkaufen. Bei der Vonovia macht man sich so ganz schön unbeliebt – mir geht’s aber nicht darum, ‚lieb Kind‘ zu sein, sondern mir geht’s um’s Recht!

Tom Adler: Haben Sie auch Versammlungen in anderen Vonovia-Siedlungen gemacht?

Ursula Kienzle: Ja, ich war in Bad Cannstatt – die dortigen Mieter_innen haben noch keine Ankündigung für Modernisierungsmaßnahmen bekommen. Aber ich habe Sie informiert, was da auf sie zukommt, damit sie sich vorbereiten können.

Tom Adler: Vonovia wird es in Stuttgart offenbar nicht so leicht haben, wie sie sich das vielleicht vorgestellt hat. Nachdem Sie den Stein ins Wasser geworfen haben…

Ursula Kienzle: Ich habe dem Bauleiter gesagt, dass wir uns im gesamten Bundesgebiet zusammenschließen werden und dagegen kämpfen. Wir sind nicht die einzigen Betroffenen in Stuttgart. Ich verstehe nicht, warum die Regierung nichts macht, die sind so behäbig. Bis Sozialwohnungen gebaut werden, da gehen mindestens fünf Jahre ins Land. So lange kann ein Mieter nicht warten.

Tom Adler: Von den Mieterinitiativen kommen Forderungen, dass man Vonovia enteignen und in öffentlichen Besitz überführen soll.

Ursula Kienzle: Dafür bin ich auch. Wohnen ist ein Grundbedürfnis. Der Staat hat die Verpflichtung dafür zu sorgen, dass jeder Bürger ein Dach über dem Kopf hat und menschenwürdig wohnen kann. Stuttgart hat die Verpflichtung, seine Bürger vor solchen Immobilienhaien zu schützen. Das wäre Aufgabe vom Oberbürgermeister Fritz Kuhn. Aber der sitzt ja lieber mit den Immobilienunternehmen zusammen.

Tom Adler: Welche Maßnahmen müssten jetzt ergriffen werden, damit betroffene Mieter_innen geschützt werden?

Ursula Kienzle: Die Modernisierungsumlage gehört eigentlich ganz abgeschafft. Zumindest muss man sie in der Höhe bei 5% begrenzen. Und auch zeitlich: die Miete muss wieder sinken, wenn die Modernisierungskosten abbezahlt sind!

Tom Adler: Welche Ziele haben Sie noch mit ihrer Mieter-Initiative?

Ursula Kienzle: Ich will, dass sich alle Vonovia-Mieter_innen zusammenschließen und auf die Straße gehen, von Berlin bis zum Bodensee, und richtig Rabatz machen unter dem Motto: Vonovia enteignen, die Wohnungen zurück in öffentliche Hand!