Der Fußverkehr in Stuttgart – kein Spaß für Anspruchsvolle oder Holen wir uns zurück was uns genommen wurde (Rede von Peter Erben am 14. Mai 2018)

Liebe Mitstreiterinnen und liebe Mitstreiter für eine lebenswertere Stadt,

das Zufußgehen existiert als Form der Mobilität, seit es die Menschen gibt. Menschen leben seit mehr als zwei Millionen Jahren auf der Erde. Damit ist das Zufußgehen unbestritten die mit Abstand älteste Verkehrsart überhaupt. Es ist die natürlichste und umweltverträglichste Art sich fortzubewegen. Die Geschwindigkeit, die wir dabei erreichen, nennen wir Schrittgeschwindigkeit. Eine in die Wiege gelegte Zielgröße – genetisch zementiert. Unsere Sinnesorgane sind für diese Geschwindigkeit ausgelegt und dafür völlig ausreichend dimensioniert. Unser Sehen, unser Hören, unser Gleichgewichtssinn helfen dabei, unsere Wege sicher zu bewältigen. Bei Schrittgeschwindigkeit sind wir in der Lage, unsere Umgebung als Ganzes am besten zu erfassen.

Damit ist das Zufußgehen die Premiumklasse unter den Verkehrsarten schlechthin. Leider ist es um die Wertschätzung für dieses Juwel nicht gut bestellt. Besonders in der sogenannten Autostadt Stuttgart.

Der Fußverkehr ist hier zwar nicht eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Aber die Respektlosigkeit, mit der kleine und große zu fußgehende, rollator- und kinderwagenschiebende, rollstuhl- und gehstocknutzende Menschen in dieser Stadt beim Fortkommen behindert werden, ist schlichtweg ein Skandal. Es ist zumindest aus meiner Sicht ein Skandal, und ich werde gerne hier erklären, warum ich dieser Meinung bin.

Im Jahr 2011 hatte der damalige Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster die „Charta des Gehens“ http://www.pedestriansint.org/images/IFP/pdf/key_doc/charter_GE.pdf unterzeichnet. Damit hat die Landeshauptstadt Stuttgart ein klares Bekenntnis zur Bedeutung des Fußverkehrs abgegeben und sich zur Förderung des Fußgängerverkehrs verpflichtet. Im Jahr 2014 wurde das Verkehrsentwicklungskonzept 2030 https://www.stuttgart.de/img/mdb/item/521819/110256.pdf  durch den Gemeinderat beschlossen. Die Selbstverpflichtung von 2011 ist darin enthalten (Seite 114).

Wenn ich mir jetzt ansehe, wie es heute um die Umsetzung der Ziele steht, die im genannten Verkehrsentwicklungskonzept dargestellt werden, kann ich deren Erreichung nicht erkennen. Im Gegenteil. Seit 2011 wird in der Realität fortlaufend gegen die selbsterklärten Absichten verstoßen:

  • Verbotswidriges Parken wird nachträglich, durch ein paar Pinselstriche auf unseren Gehwegen legalisiert.
  • Querparken wird eingeführt mit der Folge, dass Motorhaube oder Heck der abgestellten Fahrzeuge weit in unsere Laufwege hineinragen.
  • Ticketsäulen für das Parkraummanagement werden auf unseren Gehwegen installiert. Dabei wird die Gehwegbreite locker mal um 80 Zentimeter reduziert.
  • Stühle und Tische für die Gastronomie werden auf unsere Gehwege gestellt, ohne uns den entstandenen Verlust dieser Flächen zu ersetzen.
  • Werbetafeln werden uns vor den Geschäften in den Weg gestellt.
  • Fahrradfahrer, die mangels sicherer und guter Fahrradwege lieber unsere Gehwege benutzen, gefährden durch ihr Verhalten wiederum unsere Sicherheit.
  • Abgesenkte Bordsteinkanten, die einen barrierefreien Übergang ermöglichen sollen, werden rücksichtslos zugeparkt.
  • Die 5-Meterregel im Kreuzungsbereich wird von Falschparkern unverschämt und rücksichtslos missachtet – auf Kosten sicherer Schulwege.

Die Liste der Behinderung unserer Wege kann jeder Betroffene aus eigener leidvoller Erfahrung beliebig fortsetzen. Wer es schafft, sich in die Lage der Schwächsten im Straßenverkehr hineinzuversetzen, wer versucht deren Perspektive einzunehmen, den überkommt die kalte Wut.

Eine Mindestforderung von FUSS e.V. Stuttgart an den Ordnungsbürgermeister der Stadt Stuttgart ist daher, das eigentlich Selbstverständliche zu tun:

Wir fordern, dass die Straßenverkehrsordnung dort durchgesetzt wird, wo es um den Schutz und die Rechte der nicht autofahrenden Verkehrsteilnehmer geht.

Bei der Überwachung des ruhenden Verkehrs darf der sogenannte „Parkdruck“ kein Grund mehr zum Wegsehen sein. Ein Fahrzeug, das barrierefreie Übergänge blockiert, gehört umgehend abgeschleppt.

Weiter fordert FUSS e. V. Stuttgart

  • den Rückbau aller Parkscheinautomaten und aller Elektroladestationen, die auf Gehwegen installiert wurden.

Und FUSS e. V. fordert natürlich auch

  • den Rückbau aller Maßnahmen, die das Parken auf Gehwegen offiziell erlauben.

Es gab mal eine Zeit, in der wurden großzügig bemessene Fußwege für die Menschen dieser Stadt angelegt. Da gab es genügend Gehwege, die so breit waren, dass ein bequemes Nebeneinander­laufen der Standard war. Es gibt jede Menge Fotos aus der Zeit vor der Massenmotorisierung. Darauf sind auch ballspielende Kinder auf Straßen und Plätzen zu sehen. Dies war noch vor fünfzig Jahren in manchen Nebenstraßen möglich. Da war der Begriff Spielstraße noch nicht erfunden, weil so eine Nutzung damals noch ohne Verkehrsschild einfach stattfand. Das war „shared space“ selbstgemacht.

Da müssen wir wieder hin. Auch dafür setzt sich der FUSS e. V.-Stuttgart ein.

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit