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Die scheinbaren Neuigkeiten über Stuttgart 21 – von Prof. Dr. Jürgen Lodemann

Prof. Dr. Jürgen Lodemann schrieb an die Stuttgarter Zeitung, der Brief wurde nur auszugsweise gedruckt, hier die vollständige Version:

 

Verehrte Redaktion, erschütternd, diese scheinbaren Neuigkeiten zu Stuttgarts Tiefbahnhof, vor allem deshalb, weil alles noch viel übler ist. Seit 2010, als bereits Hunderttausende rund um Stuttgarts Hbf energisch und mit besten Argumenten protestierten gegen die Fülle der Fehlplanungen – Ingenieure, Bahnfachleute, Bahnliebhaber, Unternehmer, Anwälte, Studenten, Schüler, Professoren, sogar Theologen – seitdem üben Regierungen und Teile der Presse eine eigenartige Treue zu dem, was da seit mehr als 20 Jahren geplant und betrieben wird. Weil am Anfang – so wird mir immer klarer – unterm Zauber einer eleganten Tiefbahnhofs-Architektur hartnäckige Immobilien-Gier erwachte, die im Zentrum der Landeshauptstadt profitable Grundstücke witterte auf dem irgendwann mal still zu legenden Kopfbahnhof. Landesvater Kretschmann, nach der knapp befürwortenden Volksabstimmung, resignierend: “Dr Käs isch gesse”. Aber der Käs war voller Würmer. Das Volk entschied nicht nur auf Grund falscher Kosten-Daten, erst zwei, dann 4 Milliarden, heute – sogar offiziell – fast das Doppelte, von Kennern aber seit 2010 durchgerechnet auf mindestens 10 Milliarden. Das Volk entschied auch auf Grund falscher Kapazitäts-Behauptungen, man sollte glauben, die 8 Gleise in der Tiefe leisteten mehr als die 16 im Kopfbahnhof. Das Gegenteil erwies sich als wahr, die Tiefe leistet nur knapp 50 Prozent dessen, was der professionell und brandgeschützt angelegte Kopfbahnhof nach wie vor kann. Kopfbahnhöfe sind in Frankfurt, Leipzig oder Paris urbane Attraktionen. Mit nicht mal einer Milliarde hätte auch der Stuttgarter so etwas werden können. Und das kann er immer noch: genau geplant und durchgerechnet existiert in Stuttgart das Projekt “Umstieg 21”! Auskünfte dazu mit Fotos gibt es im Netz unter “Parkschützer”. Die bis jetzt gebuddelte tiefe öde Grube könnte noch immer sinnvoll genutzt werden für Busbahnhöfe und Garagen, am Ende wären dann höchstens und immerhin 3 Milliarden zu zahlen. Inzwischen aber lässt die Regierung das Unding weiter bauen, macht sich massiv schuldig. Unding schon deshalb, weil es schief ist – gegen alle von der Bahn seit je praktizierten vernünftigen Vorschriften würden dort unten Schienen und Bahnsteige unzulässige Hangneigung haben, lebensgefährlich für Rollstühle und alles sonst noch Rollende, für Kinderwagen wie für die modernen Koffer, auch für haltende Züge, wenn sie mal wieder so ganz perfekt nicht gebremst wurden. Noch will ich glauben, dass das sonst so wachsame Eisenbahnbundesamt, verpflichtet keinem Verkehrsminister, sondern dem Grundgesetz, dass dieses Amt den Betrieb in Stuttgarts Untergrund nie genehmigen wird, weil das Schaden für Leib und Leben brächte. Der “Käs” Volksabstimmung gärte aus Kostenlügen und Leistungslügen. Wann fassen Stadt- und Landes-Regierung endlich Mut, ziehen die entscheidenden Bremsen und steigen aus – sowohl IM Rathaus wie VOR dem Rathaus hab auch ich dazu aufrufen können, bei der 220. Montagsdemo (inzwischen demonstrieren die Empörten montags fast zum 400sten Mal), 2014 im großen Stuttgarter Ratsaal, da saßen vor mir in Reihe Eins Oberbürgermeister und Finanzminister – und reagierten nicht. Ist nachlesbar in “Gegen Drachen” in zentralen Kapiteln (“Angströhren“, “Thaddäus Troll lebt”). Treu und brav löffeln “Grüne” und “Christliche” aus, was alte CDU-Regierungen einbrockten. Und verniedlichen gern alles aufs Juchtenkäfer- und Eidechsen-Retten, was in Wahrheit unbezahlbare Politkatastrophe ist.