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„Es sind nur Peanuts-Investitionen, um die Städte attraktiver machen“

Ob er schon vier oder 15-mal in Stuttgart war, weiß Jan Gehl nicht mehr – wie man Städte lebenswert macht hingegen um so besser. Einer der bedeutendsten Stadtplaner unserer Zeit war am 8. November zu Gast in Stuttgart. In vielen Städten hat der dänische Architekt gearbeitet, Moskau, New York, Melbourne und Sidney sind nur einige seiner Stationen – in Deutschland war Gehl noch nie tätig.

Zeitlebens hat sich Jan Gehl mit der Frage beschäftigt, wie man eine gute Stadt macht. Ein Merkmal ist, dass sie altersgerecht ist. „Wenn man eine Stadt macht für Achtjährige und 88 Jährige baut, dann ist sie gut“, so Gehl.

Seinen Vortrag begann er mit einem Blick in die Geschichte. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gab es zwei Probleme: Das eine war der Modernismus. Wohnen, Arbeit und Freizeit, wurde separiert. Erst im Jahr 1998 wurde von bedeutenden Stadtplanern eine zweite Charta entwickelt: Wohnen, Arbeit und Freizeit sollten niemals getrennt werden. „40 Jahre lang wurde in eine falsche Richtung entwickelt“, so der Stadtplaner. Ab dem Jahr 1960 haben sich die Städte ausgedehnt, freistehende Gebäude auf Grünflächen auf Grünflächen waren die vorherrschende Methode. Dahinter stand der Gedanke der Modernisten, den modernen Mensch zu sehen. Neue Wohnanlagen, neue Geländeplanung, neue Stadtplanung nach neuen Prinzipien. Alles was vorher genutzt wurde, wurde durch Neues ersetzt.

Zuvor war der Fokus des menschlicher Lebensraum war auf Plätze konzentriert. Im  Modernismus wurde der Fokus verlegt, und zwar auf Objekte. Ein Vorschlag der Modernisten war: Paris abzureißen und nur noch Hochhäuser zu bauen. „Das nenne ich das Brasillia-Syndrom“, so Gehl. Der Wettbewerb um den Bau der brasilianischen Hauptstadt wurde im Jahr 1955 von einem Modernisten gewonnen. Das Ergebnis fasst Gehl knapp zusammen: „Von einem Helikopter aus schaut es toll aus, wenn man dort ist, sieht es scheiße aus.“ Der Modernismus war eine Verabschiedung der Menschen aus der Stadt. Die neue Moderne war das Ende der Details. Früher wurden die Städte für Menschen gebaut, dann für die Objekte.

„Weite Distanzen sind kalt und unpersönlich, nahe Distanzen sind warm und persönlich“

Den nächsten Abschnitt seines Vortrags überschrieb Gehl mit dem Begriff Autoinvasion: „Car is king“, nannte Gehl das Kredo der Zeit um die 1960-er, 1970-er und 1980-er Jahre. Ehemals war die Regelgeschwindigkeit in der Stadt fünf Stundenkilometer, das Tempo also, welches zu Fuß Gehende erreichen. Mit dem Auto wurden es 60 Stundenkilometer. „Ab da war es Unsinn, zu Fuß zu gehen, wenn um einen herum 60 km/h gefahren wird“, so Gehl in seiner Analyse. Es gibt aber immer Menschen, die die richtigen Fragen stellen. Der Bürgermeister von Kolumbiens Hauptstadt Bogota etwa fragte: „Es ist ein Paradoxon, dass wir so viel über den guten Lebensraum für sibirische Tiger wissen, aber so wenig über den guten menschlichen Lebensraum“.

Seine eigene Geschichte beschreibt Jan Gehls folgendermaßen. Die meiste Zeit seines Studiums habe er für Stadtplanung genutzt. Er wurde im Modernnismus ausgebildet. Seine Frau, eine Psychologin fragte ihn: „Warum interessieren euch Architekten die Leute nicht?“ Gehl zog daraus Konsequenzen: „Ich fühlte mich angegriffen durch das, was die Kollegen für eine Scheiße in den Vororten gemacht haben“. Am Beispiel des Eckeneffekts beschreibt der Stadtplaner seine Herangehensweise. Wenn man in der Ecke steht, dann hat man alles im Blick, niemand kann einen angreifen. Wenn Menschen an einem Ort eine Weile bleiben, dann gehen sie in Ecken. „Das hat nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern mit Beobachtung“, so der Däne weiter.

Seine praktischen Erfahrungen machte er nach seiner Dissertation im Jahr 1971. „Viele Bürgermeister auf der Welt sind zu mir gekommen und gefragt, was sie tun können?“ Nach der Gründung einer Beratungsgesellschaft arbeitete der Stadtplaner weltweit. Sein Hauptwerk „Städte für Menschen“ wurde in 73 Sprachen übersetzt, in Deutschland ist es im Jahr 2015 erschienen. Seine Schlussfolgerung: „Im Jahr 1960 wussten wir nicht viel, heute wissen wir einiges, wie man eine menschengerechte Stadt macht.“

„Zuerst formen wir die Städte, dann haben die Städte uns geformt“

Der Campo im italienischen Siena ist ein bekannter Platz. „Ist das ein Wunder? Oder wussten sie schon was sie tun?“, fragt Gehl. Zwischenzeitlich hatte Jan Gehl eine Liste mit zwölf Kriterien entwickelt. Sicherheit, Komfort, Freude sind die drei Oberkategorien. „Alle zwölf Punkte sind wichtig“, betonte Gehl. Wir sind mit der Liste zum Campo in Siena gegangen, und fanden alles bestätigt“.

Zur Herangehensweise sagt der Stadtplaner: „Planen ist sehr wichtig, aber der Schlüssel liegt in den Details, wenn die gut sind, tritt die gewünschte Wirkung ein.“ Städte müssen lebenswert, nachhaltig und gesund sein. „Der Mensch ist des Menschen größte Freude, und das schon seit Jahrtausenden. Das war schon immer die größte Attraktion“, betont Gehl.

Es mag politisch schwierig sein, einen solchen Wandel in den Städten herbeizuführen. Aber was kostet das? Darauf hat Gehl eine ganz einfache Antwort: „Es sind nur Peanuts-Investitionen, um die Städte attraktiver machen.“

Am Beispiel Moskau zeigt Gehl, was man in 20 Monaten alles erreichen kann. Im Jahr 2012 wurde er beauftragt, die Stadt attraktiver zu machen. Auf den Erfolg ist er sichtlich stolz, eine ironische Bemerkung über die russische Politik konnte sich Gehl nicht verkneifen. Das habe alles so gut funktioniert „weil sie so eine effiziente Demokratie haben“. Im gleichen Sinne verweist er auf das neueste Problem in der russischen Hauptstadt. Ein Babyboom gibt es derzeit in Moskau. „Irgendeinen Preis zahlt man ja immer. Aber das nehme ich gerne auf mich“, sagte Gehl mit einem Augenzwinkern.

Natürlich kommt der Däne auf seine Heimatstadt Kopenhagen zu sprechen. Diese sei „eine der ersten Städte, die angefangen habt, menschlich zu werden.“ Bereits im Jahr 1962 wurde dort angefangen, die Autos zu verdrängen. Man habe mit einer Straße angefangen, anfangs gab es massiven Widerstand. „Heute sind es viel mehr gesperrte Straßen. Das Zentrum ist heute eines der menschenfreundlichsten“. In der ersten Phase habe man Platz für Fußgänger geschaffen. Diese dauerte bis zum Jahr 1980. „Diese blöden Autos aus der Stadt verdrängen“, sei das Ziel gewesen.  In einer zweiten Phase von 1980 bis zum Jahr 2000 ging es darum, das Sitzen im öffentlichen Raum attraktiv zu machen. Ab dem Jahr 2000 ging es dann darum die Stadt an die Herausforderungen für das sich ändernde Klima anzugehen. Genügend Grünflächen, um den ganzen Regen aufzufangen, Seen anlegen, die Nachbarschaft verschönern. „Größere Abflusssysteme sind das dümmste, was man machen kann. Einen Platz kreieren, wo man das Wasser auffangen kann und der muss schön sein“, beschreibt Gehl seine Strategie.

Platz schaffen für menschenfreundliche Mobilität – hierzu wurden vierspurige Straßen halbiert, die Kapazität der Straße habe sich nicht verringert. Für die Sicherheit der zu Fuß Gehenden und Rad Fahrenden sorgen Abbiegeverbote für Autos. Man habe Systeme entwickelt, wie ältere Menschen und Rollstuhlfahrer bevorzugt werden können. Heute könne seine Enkeltochter den ganzen Weg zur Schule laufen ohne über eine Kreuzung gehen zu müssen.

Die dänische Hauptstadt verfügt heute über ein riesiges Netzwerk von Fahrradwegen. Jede dritte Familie in Kopenhagen hat ein Lastenrad. Auch die Verzahnung von Rad und Bahn ist wichtig „Fahrräder müssen im ÖPNV transportiert werden können“. Das Ergebnis: eine stark ausgeprägte Fahrradkultur hat sich entwickelt. „Die Regierung fährt auch Fahrrad. Die sind zur Königin mit dem Fahrrad gefahren“, berichtet Jan Gehl schmunzelnd. Aber auch Kopenhagen hat Probleme Radwege sind mittlerweile zu voll. Auch hier ist die Lösung für Gehl sehr einfach: „Man nimmt den Autofahrern Platz weg. Das wird aktuell in Kopenhagen getan.“ Die aktuellen Zahlen von 2017 lesen sich so: 41 Prozent der Menschen nutzen das Fahrrad, um zur Arbeit zu kommen. 55 Prozent der Einwohner sind mindestens einmal am Tag auf dem Fahrrad.

„Eine Tonne Stahl mit vier Gummirädern“

Zum Thema Autofahren in der Stadt hatte Gehl ebenfalls Zahlen mitgebracht. „Autofahren ist vor zehn Jahren an die Spitze angekommen, es wird künftig weniger Auto gefahren werden – es geht in die richtige Richtung.“Dann folgt ein bemerkenswerter Satz: „Ich glaube von ganzen Herzen, dass Autofahren eine sehr altmodische Technologie ist.“ Das Auto beschreibt Gehl kurz und knapp: „Eine Tonne Stahl mit vier Gummirädern.“ Auch zum autonomen Fahren hat er eine klare Meinung. Diese „lösen die Probleme für die Autoindustrie, aber nicht für die Menschen.“