SÖS LINKE PluS

„Lasst uns endlich anfangen, unsere Leben wertzuschätzen!“

Rede bei der Kundgebung der Bürgerinitiative Neckartor am 21.11.2015 von Dr. med. Angelika Linckh

Vielen Dank der Bürgerinitiative Neckartor für die Einladung, hier als Ärztin zu den gesundheitlichen Gefahren der Luftverschmutzung für uns Stadtmenschen und unsere Kinder zu sprechen.

Mit dem Thema Luftschadstoffe besonders Feinstaub und Stickoxid beschäftigte sich das Deutsche Ärzteblatt in diesem Jahr bereits 6-mal und informierte uns dabei schon vor dem VW-Abgas-Betrug, was für bedrohliche gesundheitsgefährdende Aspekte Feinstaub und Stickoxid für uns alle hat.

Was macht eigentlich den Feinstaub und die Stickstoffoxide medizinisch-biologisch gesehen so schädlich?

Grober Staub kann durch kleine Flimmerhärchen unserer Atemwege bewältigt werden. Diese Flimmerhärchen bewegen sich sinnbildlich wie Ähren im Wind und befördern durch diese Bewegung Schleim und unerwünschte Substanzen aus der Lunge.

Diese Flimmerhärchen wirken nicht nur mechanisch, sondern aktivieren auch chemische Prozesse in den Zellen und starten somit Immunreaktionen zum Entfernen schädigender Stoffe.

Nun wird uns ja seit Jahren von der AutoLobby erzählt, dass aus dem Auspuff wegen immer besserer Partikelfilter immer unschädlichere Luft käme. Neue Studien zeigen aber, dass es für manche Luftschadstoffe keine Unbedenklichkeitsschwelle gibt. Dies trifft beispielsweise für Kleinst-Partikel mit einem Durchmesser unter zweieinhalb Mikrometern zu, sogenannter Feinst-Staub PM2,5.

Diese gefährlichen ultrafeinen Nano-Partikel dringen tief in die Atemwege ein und gelangen sogar ins Blut. Genau diese Partikel filtert aber kein Partikelfilter aus den Autoabgasen. Und die Flimmerhärchen unserer Atemwege können leider nichts gegen die winzigen Partikel des Feinstaubs tun.

Der Feinstaub dringt bis tief in die Lungenbläschen ein und verursacht dort Entzündungen. Der Gesundheitszustand bei Menschen mit Lungenerkrankungen wie Asthma oder COPD verschlechtert sich nachgewiesenermaßen.

Ein großes europäisches Forschungsprojekt hat den Zusammenhang zwischen Feinstaubexposition und dem Auftreten von Herzinfarkten, Herzversagen und Schlaganfällen nachgewiesen. Auch ein Zusammenhang mit Herzrhythmusstörungen, venösen Thromboembolien, peripheren arteriellen Erkrankungen und Bluthochdruck gilt als sehr wahrscheinlich.

Eine Erklärung dafür sind die Immunreaktionen, die die Blutgefäße und die Herzfunktion beeinflussen.

Auch Stickoxid führt zu Entzündungserscheinungen in den Atemwegen und verstärkt die Reizwirkung von Allergenen. Nimmt die NO2-Belastung der Außenluft zu, müssen mehr Menschen kurzfristig wegen Atemwegserkrankungen ins Krankenhaus und es treten mehr Herzrhythmusstörungen auf. Längerfristig häufen sich – laut Deutschem Ärzteblatt – Infektionskrankheiten der Atemwege, und die Lungenfunktion wird schlechter. Inzwischen gilt als sicher, dass es einen Zusammenhang zwischen Stickstoffoxiden und Angina pectoris, Herzinfarkt, Herzversagen und Schlaganfall gibt.

Feinstaub gelangt möglicherweise sogar über den Riechnerv bis in das Gehirn. In einer Langzeit-Studie aus den USA zum Thema Alzheimer-Demenz bei Menschen über 65 Jahre wurden über 20 Jahre lang knapp 11 000 Menschen aus Chicago untersucht, und es zeigte sich eindeutig, dass die langfristige Exposition mit Feinstaub und Ruß mit frühzeitigeren schlechteren Ergebnissen in kognitiven Tests assoziiert war.

In den Arztpraxen und in unseren Medien beschäftigen wir uns vor allem mit den individuellen Möglichkeiten, das heißt, was jede einzelne von uns für sich und ihre Gesundheit tun kann.

Um unsere Lunge vor Dreck zu schützen, können wir zum Beispiel nicht rauchen und auch versuchen, möglichst selten passiv zu rauchen. Auch das liegt mir am Herzen als Ärztin: Mit der Zigarette in der Hand gegen Feinstaub zu demonstrieren ist absurd. Der Rauch einer Zigarette produziert viel Feinstaub und schwächt die Lunge zusätzlich. Das sage ich Ihnen genauso wie meinen rauchenden Patientinnen.

Neben der individuellen Lebensweise haben aber vor allem politische Entscheidungen gravierende Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Beim Bauen, beim Verkehr, bei der Bildung und in der Wirtschaft wird über Gesundheit mitentschieden. Darum sind wir heute hier.

Durch politische Entscheidung, wo, welcher und wie viel Verkehr stattfindet, atmen wir mehr oder weniger gesunde Luft ein. Jeder Mensch muss atmen und hat – was die Luft angeht – oft keine Wahl. Keine Wahl hat z.B. wer an stark befahrenen Straßen wohnt. Das macht uns auch deutlich, wie eng hier Gesundheit, Umwelt- und soziale Fragen miteinander verbunden sind.

Aber nicht nur, wer dem Dreck dauerhaft ausgesetzt ist, wird krank:

Eine Studie aus Augsburg zeigt, dass sogar kurzfristig erhöhte Feinstaubkonzentrationen akute Erkrankungen auslösen können. Bereits nach einer Stunde Aufenthalt im Straßenverkehr war ein dreifach erhöhtes Herzinfarktrisiko nachweisbar.

Eine besonders schlimme gesundheitliche Hypothek bürden wir den Empfindlichsten unter uns, den Kindern, auf:

Luftverschmutzung schadet schon vor dem ersten Atemzug und senkt nachweislich das Geburtsgewicht. Auch das Risiko von Kleinkindern, im ersten Lebensjahr eine Sensibilisierung auf häufige Alltagsallergene zu entwickeln, steigt mit der Stickoxidbelastung der Außenluft. Damit erhöht sich das Risiko, dass die Kinder später u.a. an Neurodermitis, Heuschnupfen oder Asthma erkranken.

Während gesunde Luft Kinder tiefer atmen und klarer denken lässt, auch das wurde in einer Studie im deutschen Ärzteblatt publiziert, sind Luftschadstoffe bei ihnen nachgewiesene Trigger für die Entwicklung einer Typ I Diabetes: die Wissenschaftler erklären das dadurch, dass Feinstaub und Stickoxide im Fettgewebe zu einer Verschlechterung des Fett- und Blutzucker-Stoffwechsels führen. Die Fresszellen unseres Immunsystems nehmen die ultrakleinen Giftstoffe auf, versuchen sie wie Bakterien loszuwerden und durch diese Abwehrreaktionen kann das Gewebe im Körper selbst geschädigt werden.

Wissenschaftler des Instituts für Diabetes-Forschung, Helmholtz Zentrum München, haben festgestellt, dass kleine Kinder aus einem Wohnumfeld mit hoher Feinstaub-und Stickoxidbelastung im Schnitt knapp drei Jahre früher einen Typ-1-Diabetes entwickelten als Kinder derselben Altersstufe aus Gegenden mit geringen Belastungswerten. Die Zahl der Neuerkrankungen hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt, sagte der Leitende Oberarzt im Olgäle Dr. Martin Holder in der StZ vor 1 Woche.

Trotz der in vielen Studien nachgewiesenen Stickoxid-Probleme des Diesels wurde nicht umgesteuert – im Gegenteil. Der Dieselanteil bei den Neuzulassungen hat sich seit 1999 mehr als verdoppelt, von den drei Luxus-Marken BMW, Audi und Mercedes haben sogar 60 bis 70 Prozent der Neuwagen einen Dieselmotor.

Bis 2030 soll die Luft in Europa so sauber werden wie von der WHO gefordert. „Luftverschmutzung ist nicht nur ungesund, sondern auch teuer“ betonte 2013 der damalige EU-Umweltkommissar Janez Potocnik. Der EU-Kommissar nennt Luftschadstoffe einen „invisible Killer“, einen „unsichtbaren Mörder“.

Drastische Worte, aber nach offiziellen Daten der EU ist nachgewiesenermaßen Luftverschmutzung die umweltbedingte Haupt-Todesursache! Und für deutlich mehr vorzeitige Todesfälle verantwortlich als alle Unfälle im Straßenverkehr. In EU-Papieren ist von erschreckenden 400.000 Todesfällen pro Jahr die Rede.

Eine Studie zeigte im Juli 2015, dass jährlich 9500 Londoner aufgrund der Luftverschmutzung vorzeitig sterben, doppelt so viele wie vorher vermutet. Schuld daran sind die zwei wichtigsten Luftschadstoffe in Industriestaaten: Feinstaub und Stickoxid (NO2).

Besonders ernst sei die Lage in städtischen Gebieten an vielbefahrenen Straßen. In der EU ist die Luftqualität aber überall derzeit deutlich schlechter als von der WHO empfohlen, die Grenzwerte sind viel zu hoch und in Stuttgart werden nicht einmal die eingehalten.

Die EU-Kommission hofft durch ihren Luftreinhalteplan die Anzahl der Toten durch Luftverschmutzung bis 2030 in etwa halbieren zu können.

Laut Stuttgarter Zeitung behauptet der Verband der Automobilindustrie „im Ballungsraum Stuttgart seien lediglich 90 Personen betroffen“. Diese Zahl stimmt sicher nicht. Und selbst wenn? Wäre das Leben dieser 90 Menschen nichts wert? 90 Tote im Stuttgarter Ballungsraum pro Jahr?

Herr Janez Potocnik! Sie haben gesagt: „Lasst uns endlich anfangen, unsere Leben wertzuschätzen.“ Ja, wir tun das, und deshalb wollen und werden wir dies nicht hinnehmen. Wir wollen die Ausrichtung der Verkehrspolitik endlich ändern und an den Interessen der Autoindustrie und ihrer Lobby rütteln.

Der Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche sagt darauf immer wieder, dass Auto-Mobilität aber doch ein großer Fortschritt für Demokratie und Freiheit sei. Was für ein kranker Fortschrittsbegriff, wo doch unübersehbar ist, dass die Luft in der Auto-Stadt Stuttgart nicht frei, sondern krank macht!

In Stuttgart sind 7 – 8 km der Straßen massiv vom Thema Feinstaub und NOx betroffen und der Rest macht nur wegen der viel zu hohen Grenzwerte keine Schlagzeilen!

Über wirklichen Mobilitäts-Fortschritt, hat dagegen Dietrich Heißenbüttel in der KontextWochenzeitung nachgedacht: warum eigentlich nicht auf der B 14 eine Spur in jeder Richtung für Radler reservieren? Die Stadt will Radler zwischen Cannstatt und Stadtmitte aber lieber auf einer Route durch den Schlossgarten sehen. Der Radverkehrsanteil lässt sich so allenfalls auf Kosten der Fußgänger erhöhen.

Viel für Radler getan wurde in den letzten Jahren in Paris und London, sogar in New York, ganz zu schweigen von Amsterdam oder Kopenhagen.

Und Stuttgart? Da wird zwar im Verkehrsentwicklungskonzept der Stadt ein 240 Kilometer langes Hauptradroutennetz geplant, aber ohne konkrete überprüfbare Vorgaben. Viel Worte, wenig Verbindlichkeit.

Dafür hat die Stadtspitze in Sachen Feinstaub inzwischen Ideen, wie der Autoverkehr uneingeschränkt und ohne EU-Strafzahlungen weitergehen könnte:

Eine Mooswand soll die feinen Partikel binden! Tolle Idee! Nach der Dreckschleuder Stuttgart21 bekommt auch die autogerechte Stadt ihre „kritische Begleitung“ durch die schwarz-grüne Koalition im Rathaus. Mooswände vom Marien- bis zum Augsburger Platz, vom Charlotten – bis zum Albplatz? Und die Lärmschutzwände ums Kernerviertel vielleicht auch noch mit Moosbeschichtung?.

Dabei muss man nicht nach dem Mooshalm greifen, weil so vieles auf der Hand liegt, was wirksam gegen die ‚invisible killers‘ getan werden kann, ich nenne 6 Punkte:

  1. Was die Flimmerhärchen für die Atemwege, das sind großkronige Bäume für die Stadtluft: hochwirksame Filteranlagen! Nicht genug, dass die im Schlossgarten zerstört wurden. Für den S21-Verkehr fallen in der Innenstadt ständig weitere: von der Kriegsbergstr bis zum Katharinenstift, danach auf der andern Seite die hinterm Bretterzaun, auch für die Ballettschule und Breuninger wurde abgeholzt, für die Opernsanierung soll es weitergehen! Hört endlich auf damit, die grüne Lunge unserer Innenstadt zu amputieren!
  2. Die S21-Baustellen rund um den Hauptbahnhof halten mit ihrem Dreck und mit ihren Baumaschinen und Baufahrzeugen die Luftverschmutzung im Stuttgarter Talkessel auf Rekordwerten. Die Landesanstalt LUBW hat Ende Oktober einen erhöhten Anteil typischen Baustellen-Feinstaubs auf den Staubfiltern nachgewiesen. Von 64 Überschreitungen der erlaubten Tagesmittelwerte am Neckartor sind 14 im Jahr 2014 auf S21-Baustellenschmutz zurückzuführen, auch am Platz vor dem Bahnhof gab es erhöhte Werte. Und 2015 wurde nichts besser. Als Ärztin, die sich der Gesundheit ihrer Patientinnen und ihrer Kinder verpflichtet fühlt, fordere ich seit Jahren den Baustopp von S21 und meine, dass das alle tun sollten, denen es ernst ist!
  3. Der gesamte LKW-Verkehr muss deutlich reduziert werden: natürlich, mit Baustopp für Stuttgart 21, aber auch für sinnlose Abbrüche von Gebäuden, die leicht instand zu halten und noch lange nutzbar wären, aber dreckschleudernd unter die Abrissbirne müssen, weil Investoren sich von Abriss und Neubau höhere Renditen versprechen.
  4. Und der PKW-Verkehr in der Stadt muss deutlich reduziert werden. Mit 20% weniger PKW in der Stadt war Fritz Kuhn einmal angetreten – bescheiden genug! Jetzt redet er nicht mehr von -20% PKWs, sondern nur noch von -20% PKW mit Verbrennungsmotor.

Elektroautos helfen unsren armen Lungen aber herzlich wenig. Weil E-Autos zwar NOx, nicht aber den Feinstaub nennenswert reduzieren.

Weil ein Drittel des Autoverkehr-Feinstaubs aus dem Auspuff kommt, ein Drittel aus dem Aufwirbeln des Feinstaubs auf der Straße und ein Drittel aus dem Reifen-und Brems-Abrieb, würde der GesamtFeinstaubgehalt am Neckartor nur um 6 % abnehmen, selbst wenn 100 % aller Autos nur noch mit Elektromotor fahren würden!

Das haben die Klimatologen Herrn Kuhn auch schon vorgerechnet. Trotzdem sollen Elektroauto aus dem Stadthaushalt subventioniert werden, während gleichzeitig VVS-Preise erhöht werden!

E-Autos sind nicht Teil der Lösung, sondern bleiben Teil des Problems. Deshalb darf dafür kein Öffentliches Geld ausgegeben werden, sondern das muss dort eingesetzt werden, wo es wirkt: für den ÖPNV und Radwegausbau!

  1. brauchen wir einen Ticketlosen Nahverkehr, der finanzierbar ist mit richtig eingesetztem städtischem Geld und durch eine Nahverkehrsabgabe für alle, auch für notorische Autofahrer!
  2. Straßenrückbau statt Ausbau, überall muss Tempo 30 her, um den Verkehr zu verstetigen! Statt noch mehr Autoverkehr in der Stadt zu planen als heute. Der Ausbau der Wolframstraße und Heilbronnerstraße und die sogenannte Intelligente Verkehrssteuerung werden dazu führen, dass noch mehr PKW-Räder rollen können. Wir brauchen das Gegenteil, weniger Autos!

Das, meine Damen und Herren, liebe FreundInnnen, würde schon viel bewirken. Das wünschen sich übrigens besonders die Stuttgarter Kinder. Für die „Konzeption Kinderfreundliches Stuttgart“ wurden Kinder befragt, was sie sich für ihr Leben in der Stadt wünschen. Weniger Autos und weniger Verkehr, sichere Radwege, weniger Abgase und Lärm, mehr saubere Luft und mehr Bäume, vor allem in der Innenstadt. Sie wissen, sie spüren, worauf es ankommt.

Das wird natürlich gern schamhaft verschwiegen. Denn es könnte ja deutlich machen, dass die Verkehrspolitiker in Rathaus und Landesregierung noch viel mehr öffentlichen Druck brauchen.

Damit sie wenigstens dieser Aufforderung des EU-Komissars Potocnik etwas näher kommen:

„Lasst uns endlich anfangen, unsere Leben wertzuschätzen!“

Wir haben schon damit begonnen, wir werden nicht abwarten, sondern keine Ruhe geben!